In Teil 1 berichteten wir darüber, dass die
Pinnau vor Jahrhunderten noch Lebensader für zahlreiche
Industrien und Familien in Uetersen war, die am Fluss lebten und
arbeiteten. Heute dient sie überwiegend der Freizeitgestaltung.
Von
Marlen Sönnichsen
Der Gewässername Pinnau und der
Ortsname Pinneberg, der im niederdeutschen Sprachbereich als
Orts und Flurname öfter vertreten ist, sind auf das
gängige Wort Pinn = "Pflock" oder "Stab"
zurückzuführen. Früher dienten nämlich kleine
Stauanlagen am Oberlauf des Flusses, an den Nebenflüssen und
deren Zuflüssen der Bewässerung und Berieselung der
Wiesen in Trockenzeiten. Bereits im Jahre 1130 oder 1140 wurde
eine Karte der nördlichen Elbmarsch entworfen. In der
Beschreibung hierzu heißt es „Es ist aber zu wissen,
dass die Haseldorper Marsch zu Zeiten des Vicelin nicht viel anders
denn Insulenn und Pfützen gewesen.“ Bis zum Jahre 1495
wird ein Wasserlauf in der Marsch mit „Haselau“
bezeichnet. Es ist anzunehmen, dass hier die Pinnau gemeint ist.
Der Name des Flusses
Der
schmutzigste Fluss Deutschlands
1967
wurde das Pinnau Sperrwerk erbaut. Die Wassermassen der Elbe
sind bei Sturmflut jetzt keine Gefahr mehr für die Menschen
hinter den Deichen der Au. Zeichnung: Inge Monshausen
Erstmals erscheint der Name „Pinnau“
1652 auf einer Karte in der „Holsteinischen
Landesbeschreibung“ von Dankwerth (1608 1674), und zwar
als „Pinneberger Awe (Aue)“. Die „Au“ heißt
der Fluss im Volksmund heute noch manchmal. Doch auch andere
Bezeichnungen für den Fluss sind überliefert. Aus einem
Flutbericht von 1751 geht hervor, „dass der Fluss von den
Anwohnern der Elbe und den
Elbfahrern die UetersenAu (Aue to Üterst)“ genannt wird,
und in einer Urkunde des Königs Johann von 1495 wurde dieser
Wasserlauf „Esche“ genannt. Der Name hängt
eventuell mit dem nordwärts von ihrer Mündung liegenden
Ortsteil „Im Esch“ zusammen. Auf der „Lorichs'schen
Elbkarte“ von 1568 hat die Aumündung die Beischrift
„AUETUTTERT“, d.h. Aue t(o) Utterst(en). Den Namen
„Uetersener Au“ hat die Pinnau noch lange bei den
Marschbewohnern und Elbschiffern geführt, und auch heute hört
man die Bezeichnung noch.
Der Name „Pinnau“ hat
sich erst langsam, von der Geest her und unzweifelhaft von dem an
ihr liegenden Pinneberg durchgesetzt. In der Mitte des 20.
Jahrhunderts gab der Volksmund der Pinnau schließlich einen
weiteren, „anrüchigen“ Namen, nämlich
„Schwarzer Fluss“, schwarz wie dunkle Brühe, wie
stinkende Kloake. Bis 1953 hat es im Kreis Pinneberg nämlich
kaum wirksame Kläranlagen für Haus und Industrieabwässer
gegeben, obwohl sich die Bevölkerungszahl in diesem Gebiet seit
1939 verdoppelt hatte. Das ganze Land Schleswig Holstein war bis
dahin ein unterentwickeltes Land in Beziehung auf die
Abwasserbeseitigung.
Bis Anfang 1960 gehörten die
Elbnebenflüsse, die gleichzeitig Vorfluter sind, nämlich
Krückau, Pinnau und Wedeler Au zu den am stärksten
verschmutzten Flüssen Deutschlands. Erst ein Generalplan zur
Reinhaltung der Elbenebenflüsse im Jahre 1963 brachte
grundlegende Veränderung. Sämtliche Abwassereinleitungen
in die Flüsse wurden gestoppt und sollten künftig über
Rohrleitungen, die in einen großen unterirdischen
Abwasserkanal von Kaltenkirchen nach Hetlingen zu einem dort
geplanten riesigen Klärwerk mündeten, geführt werden.
Bis zur Fertigstellung der ersten Stufe mussten noch einige Jahre
lang alle Anstrengungen unternommen werden, die mechanischen
Klärwerke der Kommunen zu vervollständigen, und die
Industrie sollte noch 1964 bis an die Grenze des Möglichen
veranlasst werden, ihre Abwässer unschädlich zu machen.
Zwischenzeitlich hat sich viel getan. Das Klärwerk
Hetlingen, das größte Schleswig Holsteins, reinigt
täglich rund 90.000 Kubikmeter Abwässer. 420.000 Menschen
leben im Einzugsbereich des Klärwerks. Bei Untersuchungen des
Landesamtes für Wasserhaushalt und Küsten wurde die
Gewässergüte der Pinnau im Abschnitt zwischen Uetersen und
Pinneberg als „kaum bis mäßig belastet“
eingestuft. Dies ist im wesentlichen auf den Ausbau des Systems der
Abwasserklärung (Anbindung an den Hauptsammler West zur
Kläranlage Hetlingen) zurückzuführen. Eine hohe
Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch die direkt an den Fluss
angrenzende Grünlandwirtschaft, die das Wasser auf natürliche
Weise reinigt. Da die Abwasserbeseitigung eine kommunale Aufgabe
ist, das Sammlernetz aber nach dem Einzugsgebiet der drei
Elbenebenflüsse festgelegt wurde, gründete man 1965 den
"Abwasserzweckverband Pinneberg".
Flutkatastrophen
Seit dem Mittelalter liegen Berichte
über schwere Flutkatastrophen vor. Zwischen 1424 und 1428
erlitten die Nonnen des Klosters Uetersen, das unmittelbar an einem
Flussknie der Pinnau erbaut war, während einer Sturmflut
schwerste Verluste an Hab und Gut, da auch die umliegenden
Ländereien verwüstet wurden. Zudem zerstörte eine
Feuersbrunst das Klostergebäude bis auf den Grund. Die
mittellosen Nonnen mussten von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus
gehen, um sich das Nötigste zu erbetteln. Am 7. Oktober 1756
kam es zu der stärksten Überschwemmung, an die sich die
Menschen damals erinnern konnten. Der Uetersener Pastor Rudolf
Grünkorn spricht in einer Rede im Jahre 1911 von einer „großen
Wasserflut, die im Oktober 1756 von Seester her an unsere Grenzen
herandrängte, der aus unserem Kirchspiel etwa 100 Personen zum
Opfer fielen.“ Noch bei Pinnebergerdorf war die Pinnau so
sehr über die Ufer getreten, dass sie einen See um den Ort
herum bildete: „Das Wasser ging drei bis vier Fuß hoch
über die Brücke beim Pinneberger Dorf weg, und im Hause
des Vogts Breckwoldt stand es so hoch, dass man mit Kähnen in
eine Tür hinein und aus der, anderen wieder herausfahren
konnte. Nachdem das Wasser sich wieder verlaufen hatte, fand man in
den Bannwiesen und an anderen Stellen eine Menge Mobilien und
sonstige Gegenstände, welche aus der Marsch fortgetrieben
waren. Diese Flut hat in der Gegend einen unermesslichen Schaden
verursacht.“
Teile
der Stadt unter Wasser
Später, vom Ende des 19.
Jahrhunderts bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde die
Pinnau systematisch begradigt, das Fließgewässer
ausgebaut und bis Pinneberg schiffbar gemacht, und Eindeichungen
verhinderten nun, dass landwirtschaftliche Flächen regelmäßig
überschwemmt wurden. Von der letzten großen Sturmflut vom
11. bis 16. Februar 1962 war auch die Stadt Uetersen betroffen. Drei
unaufhaltsame Naturgewalten trafen hier unglücklicherweise
zusammen: Das periodische Hochwasser konnte bei dem Orkan über
der Nordsee nicht ablaufen, und von der anderen Seite her drängten
die Flüsse zum Meer. Die schleswig-holsteinischen Flüsse,
wie Eider, Stör und Pinnau., die direkt in die Nordsee oder in
die Unterelbe fließen, hatten noch keine Sperrwerke. So kam
es, dass der Rückstau bis weit ins flache Hinterland spürbar
wurde und es auch dort zu Überschwemmungen kam.
Katastrophenalarm
in Uetersen! Der Große Sand ist überflutet, Keller und
Erdgeschosse vollgelaufen, die alte Meierei (rechts) von jeder
Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten.
Foto: Lavorenz
Sperrwerk an der Pinnaumündung
Die Pinnau trat über die Ufer,
suchte für die von Nordsee und Elbe hereinströmenden
Wassermassen einen Weg in die Stadt. Über den Stichhafen
gerieten die Fluten in das Stadtinnere. Am Deichkopf, der an die
Moltkestraße stößt, geschah ein weiterer
Durchbruch. Moltkestraße, Deichstraße, Teile des Großen
Sandes und der gesamte Marktplatz wurden überflutet. Keller und
Erdgeschosse standen unter Wasser, die Gasversorgung in der Stadt
fiel aus, ebenso Strom und Telefon. Auch die unmittelbar am
Pinnaudeich liegenden Betriebe wurden Mitleidenschaft gezogen, wie
z.B. das Schaumann-Werk oder die Zimmerei Plump am Klosterdeich.
Trotz beträchtlicher Schäden waren Menschenleben
glücklicherweise nicht zu beklagen. Uetersen war noch einmal
mit einem blauen Auge davongekommen. Nach der schweren
Flutkatastrophe wurden die Deichabschnitte von Uetersen bis Moorrege
und auch zwischen Appen und Pinneberg erhöht. Das 1967 erbaute
Sperrwerk an der Pinnau Mündung soll künftige
Überschwemmungen verhindern. Bereits einen Monat nach seiner
Einweihung hat es seine Daseinsberechtigung bewiesen, als ein
Südweststurm wochenlang erneut Wassermassen aus der Helgoländer
Bucht in die Elbe und ihre Nebenflüsse drückte. Das
geschlossene Tor hatte dem Blanken Hans das Überschwemmen des
Pinnautals verwehrt.
Neue Überschwemmungen infolge
von Sturmfluten und heftigen Regenfällen und Überlegungen
in Richtung Landschafts- und Naturschutz bewegten die Politiker,
wieder über einen Ausbau der Pinnau zwischen Pinneberg und
Uetersen nachzudenken. 1987 stellte die Landesregierung 10 Millionen
DM für die Sanierung und Renaturierung des Flusses bereit. In
der folgenden Zeit wurde kontrovers über Aufstauung,
Extensivierungsprogramme, Wiederherstellung des, alten Flussbettes,
Verbreiterung, Deichversetzung und sogar über die technische
Trennung eines unteren und eines oberen Teils des Flusslaufs
diskutiert. Da unter anderem wegen der hohen Kosten keine Einigung
erzielt werden konnte, unterblieben zielgerichtete Maßnahmen
mit Ausnahme einiger wichtiger Deichreparaturen. Hingegen wurde der
Unterlauf der Pinnau bis Pinneberg in Zusammenhang mit dem
Unterelbegebiet westlich Hamburgs in die nationale Auswahlliste des
geplanten europäischen Netzwerks „Natura 2000“
aufgenommen.
Gewässerpflege
Mit einem umfassenden Programm unter
diesem Titel will die EU ein, Netzwerk, knüpfen und damit
wildlebende Tiere, Pflanzen und ihre Lebensräume unter
besonderen Schutz stellen. Der Boden Wasserverband
Pinnau Bilsbek Gronau, dessen zuständige
Aufsichtsbehörde die Wasserbehörde des Kreises Pinneberg
ist, betreut gegenwärtig nur noch die offenen und verrohrten
Fließgewässer. Nach Maßgabe der Gewässerpflegepläne
von 1994 wird großenteils eine schonende Gewässerunterhaltung
durchgeführt. Die Pinnau zwischen Elbemündung und
Eisenbahnbrücke in Pinneberg ist heute Bundeswasserstraße.
Die Verwaltung und Unterhaltung obliegt dem Wasser und
Schifffahrtsamt Hamburg.
